Tag 39 bis 43: ..unsere blinde Gesellschaft, oder so schnell macht man sich unbeliebt..

*lach* der längste Titel den ich bis jetzt schrieb. Ach ja, was soll ich sagen / schreiben? Die letzten Tage ist eigentlich fast nichts besonderes passiert. Mit der Betonung auf eigentlich!

Nun gut, das letzte Wochenende war sehr ruhig, und ich habe eigentlich nichts erwähnenswertes gemacht. Die meiste zeit habe ich wohl mit schlafen verbracht. Am Sonntag hat sich dann wieder einmal mein geliebtes Zahnweh eingestellt. Diesmal aber zur Abwechslung auf der linken und nicht wie sonnst auf der rechten Seite. Naja wäre es rechts hätte ich wohl den Zahnarzt verklagt der mich rechts ja schon geflickt hat. Egal, bestätigt meine Theorie wieder mal zu 100%!

Geht man einmal zum Zahnarzt öffnet der heimlich andere Schmerznester um ein Folgegeschäft zu machen, denn jahrelang hatte ich mit meinen zugegeben desolaten Zähnen keinerlei Probleme, und jetzt nervt es nur noch!

Wie auch immer, jetzt habe ich dafür noch eine neue Medikamenten-Allergie! Ich vertrage keine Schmerzmittel mehr, denn jedes mal als ich für meine Zahnschmerzen eine Tablette wollte, bekam ich automatisch, kostenlos und aber leider verbindlich einen Zahnarzttermin dazu. :/ Soll heißen, das ich am Montag gleich wieder runter nach Feldkirch zum Zahnarzt durfte.

Diesmal war es aber nichteinmal so schlimm wie beim letzten mal, da der Arzt so gnädig war und mir eine Spritze gab. Also war das ganze nicht einmal so wild, und er war auch schnell wieder fertig damit.

Am Montag Nachmittag war dann noch Kerngruppe zum Thema, welche Medikamente man nach der Therapie hier nehmen könnte. Also die entweder das Verlangen nach Alkohol senken sollen (Revia), oder sich sehr negativ entfalten sollte man zur Flasche greifen (Antabus).  Hierbei wurden uns quasi Entscheidungshilfen gegeben. Ich persönlich habe mich schon entschieden, ich werde keine Medikamente danach einnehmen, da ich Revia schon letztmals hatte, und diese mir nicht nur die Lust am Alkohol nahmen, sondern schlichtweg an allem inkl. Sex. Antabus kommt für mich auch nicht in Frage, jedoch habe ich hier noch keine Ausrede gefunden warum ich diese nicht will. :)

Am Dienstag war wieder Kleingruppe, hier machten wir zuerst eine Fantasiereise und sollten uns unseren unangenehmen Gefühlen stellen, da dies der häufigste Grund für Alkoholmissbrauch und Rückfall ist. Die Unangenehmen Gefühle sollten wir dann auch noch in Bildform darstellen. Interessant fand ich dabei, das sehr viele dabei auch Hoffnung in das Bild malten, bzw. die Reaktionen auf die Bilder auch viel mit ‘Alles wird besser’ usw. kommentiert wurden, und nicht so sehr sich den reinen negativen Gefühlen gestellt wurde. Ich habe mich darauf eingelassen und ein wirklich grausiges Bild gemahlen. Was im Nachhinein auch von nicht einweihten als ein sehr gutes Bild bezeichnet wurde. (Ein Foto werde ich nachliefern). Mir viel während des Malen auch auf, das ich eigentlich ebenfalls Gefahr lief doch noch etwas Positives in das Bild bringen zu wollen / müssen.

Am Dienstag Nachmittag hatten wir Frei, weil ja Faschingsdienstag war. Ich bin in die Stadt um zu sehen was denn so los ist, jedoch war gar nichts los, so hab ich ein paar Dinge eingekauft, vor allem Süßigkeiten und bin dann wieder zurück.

So, genug bla bla! Kommen wir zum Titel dieses Posts. heute Mittwoch war ich Vormittags wieder in Feldkirch und habe mir ein paar Sachen zum anziehen gekauft, dann wieder hopch und bis zum Mittagessen auf der Terasse etwas die Sonne genossen.

Hierbei habe ich ein Gespräch mitbekommen, was direkt neben mir geführt wurde. Kurz gesagt ging es darum das eine Patientin eine andere gefragt hat, ob diese süchtig machende Tabletten, sogenannte Benzos hat. Diese sagte das sie noch zwei Tabletten hat, und wollte sie Gutgläubig der anderen Patientin geben. (Die andere Patientin war schon mal hier und auch schon in anderen Einrichtungen auf Entwöhnung, also erfahren. Die gefragte hilfsbereit und naiv, bzw. ihn solchen Dingen unerfahren.) Als ich merkte das die Fragende die andere schon fast bedrängte um schnell an die Tabletten zu kommen habe ich mich eingemischt, und gesagt das ich das für keine gute Idee halte, und sie dies doch sein lassen sollten, da es auch nicht erlaubt sei. Die fragende hat darauf dann schon leicht gereizt damit reagiert, das sie meinte ich solle mich um meine Sachen kümmern und das würde mich garnichts angehen. Mag sein, würde mich wohl nichts angehen, währen wir hier nicht in einem Krankenhaus wo es eben um die Problematik der Sucht gehen würde. Ich habe dann noch eine weile nachgedacht was ich machen soll, ob ich es sein lassen soll, oder es dem Pflegedienst melden soll. Es ließ mir aber keine ruhe, und so habe ich es gemeldet, da mir (meine persönliche Meinung), die Fragende auch nicht recht den Eindruck machte, als würde sie hier wirklich da sein um an ihren Süchten arbeiten zu wollen. So habe ich es einfach kund getan, danach aber auch gleich die Geschichte einigen Mitpatienten erzählt, und auch gesagt das ich es gemeldet habe.

Danach habe ich mich bis zum Mittwochsseminar etwas hingelegt, und als ich um 5 vor 15 Uhr runter bin wurde ich schon von allen Seiten angeflogen, was ich nicht angerichtet habe. Beide werden entlassen, die Gefragte will sich das Leben nehmen, usw. Ok, somit habe ich mich binnen weniger Stunden extrem unbeliebt gemacht. Man hat mir auch gesagt ich hätte doch vorher mit beiden reden sollen, aber nicht gleich petzen gehen. Ich habe ja beiden gesagt was ich denke, und die Fragende war aber so dominant das ich da keine Chance gehabt hätte, zumal ich ja nicht der Therapeut bin. Vom Seminar hab ich nicht viel mit bekommen, da ich mehr in Gedanken war, und mir schon ausmalte das ich mit den beiden auch gleich gehen könnte, da mich ja jetzt keiner mehr anreden wird, oder mir was sagen würde. Nach dem Seminar ist die fragende gleich sehr aggressiv und laut zu mir und hat mich gefragt ob ich einen Knall hätte, und das mich das ja nichts angehen würde, das jetzt beide gehen müssen, obwohl dies zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal klar war. Aber ich denke mit dieser Art wollte sie wohl auch einfach die anderen Mitpatienten gegen mich aufstacheln. Ich bin dann zum Pflegedienst, und habe gesagt das ich es nicht Ok fände wenn die Gefragte, welche hilfsbereit, unerfahren und gutgläubig gehandelt hat, gehen müsse! Einige Zeit später war dann auch klar das sie nicht gehen muss, lediglich die Fragende, die sogar schon vor der eigentlichen Entscheidung ihre Koffer gepackt hatte. Ich habe die Gefragte dann auch angesprochen und ihr gesagt das ich damit nicht böswillig gehandelt habe, und ihr nicht schaden wollte, aber sie hat dies wohl nicht wirklich nehmen können da sie noch zu aufgewühlt war.

Den Rest des Nachmittags habe ich mich in mein Zimmer zurück gezogen und habe auch das Abendessen ausfallen lassen, da mir da auch nicht so wohl gewesen wäre. Gegen 18 Uhr bin ich dann in unsere Kapelle zu einem Wortgottesdienst unseres Seelsorgers gegangen der den Aschermittwoch dafür zum Anlass nahm um eine Messe zu feiern. Ich bin nicht Katholisch oder so, aber ich bin gläubig, und ich mag unseren Seelsorger, da dieser ein sehr offener Mensch ist und man mit ihm auch über nicht christliche Dinge reden kann. So gab ich dem eine Chance. Eigenartig war hier das ich als einziger auf der linken Seite der Kirche saß und alle anderen rechts platz nahmen. aber umsetzen wollte ich mich dann auch nicht. Jedoch war das schon eher so ein Bild des abseits stehenden Verräters. Zumindest könnte man es so sehen, aber damit musste ich wohl leben. Ich könnte jetzt noch jede Menge Gedanken über diesen Teil des Tages schreiben, würde aber den Rahmen sprengen.

Als die Messe zu ende war und wie wieder zurück gingen rief mich schon der Dienst habende Portier, das sie (der Pflegedienst) mich verzweifelt suchen würden, und ich um 20 Uhr zu meiner Therapeutin solle. Als ich in meinem Zimmer war stellte ich auch noch fest das sie sogar schon 4 mal auf meinem Handy angerufen hatten. Die Aufregung konnte ich nicht verstehen. Noch dazu wo ich nichteinmal Lust auf Alkohol verspürt habe an diesem Tag. Gründe hätten sich ja nette finden lassen. Ich habe dann noch das Gespräch mit der Gefragten gesucht, und ihr meine Gedanken dazu gesagt, und wollte ihr so auch Mut und etwas Kraft geben.Dann holte mich auch schon meine Therapeutin zu sich, und wir redeten über die ganze Sache nochmal. Sie meinte dabei das ich mich seit meinem letzten Aufenthalt vor ~2,5 Jahren extrem entwickelt hätte und eine sehr hohe soziale Kompetenz hätte. Worauf ich erwiderte, das ich aber eher mehr Kompetenz für mich selber brauchen würde! Sie hat mich dann auch noch gefragt ob die Entscheidungen die die Ärzte und Therapeuten in diesem Fall getroffen haben für mich auch so Ok seien, was sie auch sind.

Meine Gedanken dazu und warum ich das eigentlich gemacht habe:
Ganz einfach, ich will nicht Blind durch die Welt laufen wie es schon fast üblich in unserer Gesellschaft ist. Wir sind hier eine Gemeinschaft und haben auch täglich miteinander zu tun. Es gibt zu viele Menschen die mit Scheuklappen durch die Welt laufen, und denen sogar egal ist wenn jemand neben ihnen stirbt. So ein Mensch will ich nicht werden. Ich meine ebenso faszinierend ist es für mich das es hier zB. in Feldkirch normal ist, das sich die Leute auf der Straße grüßen, um so auch zu zeigen das sie dich als Mensch war nehmen. In Salzburg oder anderen Städten und auch auf dem Land kann man mit sowas nicht rechnen! Ich wollte mich damit nicht wichtig machen sondern zeigen das mir meine Umgebung nicht egal ist, und ich denke zumindest die Gefragte hat daraus etwas gelernt. Ich wünsche es ihr zumindest. Sollte mich jemand deswegen jetzt hassen, oder nicht mehr mit mir reden wollen, hm, so finde ich das nur traurig.

Lustig war am Dienstag noch das Einzelgespräch. Denn hier wusste wieder die Therapeutin noch ich etwas zu reden, so haben wir uns darauf geeinigt, das man ja auch einfach mal nichts sagen kann, und das wir es heute einfach lassen und zum Mittagessen gehen.

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